Liebe Besucherinnen und Besucher der Musiknacht,

zwei Säulen tragen das kulturelle Leben in Köln: die städtischen Institutionen und die sogenannte freie Szene. Diesen Satz kann man Stadt auf, Stadt ab in Konzepten, Entwürfen, Erklärungen, Artikeln und Grußworten lesen. Man kann ihn hören auf Podien und Konferenzen, in Sitzungen und Foyers. Er suggeriert, dass den freien Künstlern dieser Stadt – seien es MusikerInnen, Theaterschaffende, bildende KünstlerInnen, TänzerInnen, PerformerInnen etc. – zumindest die gleiche Wertschätzung von städtischer Seite entgegengebracht wird, wie den Monumenten der hiesigen Kulturlandschaft – seien es Museen, Schauspiel, Oper, Philharmonie etc. Nun zeigt sich im städtischen Haushalt Wertschätzung letztendlich immer auch in monetärer Zuwendung. Um Missverständnisse zu vermeiden: Niemand möchte ernsthaft über gleichhohe Budgets für freie Szene und Institutionen diskutieren. Es ist verständlich und liegt in der Natur der Sache, dass es sich bei den beiden Säulen – um im Bild zu bleiben – um zwei in Umfang und Material nicht identische Pfeiler handelt, von denen die Kölner Kultur zu gleichen Teilen getragen werden soll. Allerdings kommen der gesamten freien Kultur (bildende Kunst, Theater, Musik, Tanz etc.) von städtischer Seite derzeit Mittel zu, die gerade einmal 2,9 Prozent der Aufwendungen für die Institutionen ausmachen. Da wird aus der einen Säule eher ein Streichholz.

Einmal im Jahr veröffentlicht die Stadt eine Broschüre für junge Studenten. Unter dem Titel ›Köln:Kultur – Viel los für wenig Geld‹ werden dort die kulturellen Institutionen Oper, Schauspiel, Museen etc. vorgestellt, die auch für kleine Preise zugänglich sind. Das ist gut und richtig und lobenswert. Im Bereich der freien Kultur ist auch ›viel los für wenig Geld‹, das ist allerdings ganz und gar nicht gut und richtig. Auch wenn sich in den vergangenen Jahren die Stadt immer mehr ihrer Verantwortung für die freie Szene bewusst geworden ist, so sprechen die realen Lebensverhältnisse vieler hier ansässiger Künstlerinnen und Künstler eine eigene, deutliche Sprache. Wer z. B. in die aktuelle ›Jazzstudie‹ zu den Lebens und Arbeitsbedingungen von JazzmusikerInnen in Deutschland hineinschaut (www.jazzstudie2016.de), kann von Jahreseinkommen unter 12.500 EUR lesen, die nicht die Ausnahme sind. In der Alten Musik und bei den frei arbeitenden Orchestermusikern haben wir ähnliche Verhältnisse. Solides Grundeinkommen sieht anders aus.

Sie, liebe BesucherInnen der Musiknacht 2017, erleben in diesem Jahr eine Veranstaltung, die im Vergleich zu den vergangenen Musiknächten extrem reduziert daherkommt, was die Anzahl der Konzerte angeht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir bewusst entschieden haben, die MusikerInnen zumindest annähernd angemessen zu bezahlen. Dabei herausgekommen ist eine ›Musiknacht kompakt‹, die zeigt, wieviel Kultur leistbar ist, wenn mit 150 Euro Gage noch nicht einmal die Hälfte der bei solchen Veranstaltungen üblichen Honorare gezahlt werden. Dann ist auf einmal gar nicht mehr so viel los.

Der Initiativkreis Freie Musik (IFM) begrüßt ausdrücklich die Bekenntnisse der Politik und der Verwaltung zur freien Musikszene in Köln. Wir freuen uns darüber, dass das Thema der prozentualen Koppelung des Etats der freien Szene an den Etat der Kulturinstitutionen derzeit offen besprochen wird. Eine solche Entwicklung im städtischen Haushalt wäre ein gutes und richtiges Zeichen für alle freischaffenden KünstlerInnen, dass die Wertschätzung ihrer Arbeit sich nicht nur in guten Absichten, sondern auch in einer dauerhaften Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen niederschlägt.

Die freie Szene ist und bleibt die kreative Triebfeder der Stadt. Hier wird Erneuerung gelebt, Moderne geschaffen und das Leben, das aller Kunst innewohnt, weitergegeben. Wir alle können froh sein, dass Köln über eine solch große und produktive Szene verfügt, die Tag für Tag anspielt gegen Konformismus und die fortschreitende Inhaltsleere der sogenannten Massen- und Mainstream-Kultur. Kunst kann niemals nur kommerziell sein, Kunst sollte sogar im besten Fall (notwendigerweise) frei von äußeren Zwängen sein. Und trotzdem wäre es naiv zu glauben, dass sich Künstlerinnen und Künstler nicht um die banalen Dinge des Alltags wie Miete, Essen und Kleidung sorgen müssten. Der IFM sieht es als eine seiner Aufgaben an, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Wir sind der Überzeugung, dass die Kölner Politik und Verwaltung diese Haltung teilt, das haben Entwicklungen der letzten Jahre gezeigt. Es wird jedoch Zeit, weitere Schritte zu gehen und Taten folgen zu lassen.

Und wenn Sie, liebe BesucherInnen der Musiknacht, am Ende des Abends ein noch größeres Verständnis für die Bedeutung der Arbeit der freien Musikerinnen und Musiker für unserer Stadt mit nach Hause nehmen, dann ist das mehr als nur ein kleiner Schritt auf dem Weg in die richtige Richtung.


Barbara Schachtner, Hans-Martin Müller, Daniel Mennicken
INITIATIVKREIS FREIE MUSIK